Lukács Politisierung der Ästhetik und Ästhetisierung der Politik

1.    Einleitung

Wenn man über die Ästhetik Lukács sprechen will, muss man sich fragen, was bei Lukács keine Ästhetik ist. Man kann zweifellos sagen, dass Lukács gesamte Schriften mehr oder weniger mit der Theorie der Ästhetik, der ästhetischen Theorie und vor allem der marxistischen Ästhetik verbunden sind und aus ästhetischer Perspektive gelesen werden können. Von seiner Jugend bis zum Tod versucht Lukács, seine Kenntnisse zu vertiefen und die Wissenschaft weiterzuentwickeln. Von seiner Ästhetik sprechend, muss man aber spezifizieren, welche Ästhetik gemeint ist. Die ästhetischen Theorien Georg Lukács sind ein vielfältiges und kompliziertes Feld. Sie unterscheiden sich in den unterschiedlichen Phasen seines intellektuellen Lebens voneinander und seine unterschiedlichen Herangehensweisen beeinflussen auch unterschiedliche ästhetische Theorien anderer Richtungen in der Ästhetik und anderer Wissenschaften. So spielt Lukács „Die Seele und die Formen“ laut Lucien Goldmann eine große Rolle in der Entwicklung des modernen Existentialismus, obwohl Lukács selbst sich nie als Existentialisten im Sinne Heideggers, Jaspers oder Sartres verstand. (Goldmann 1974a, S. 44) In den vierziger Jahren wendet Lukács sich sehr scharf gegen den Existentialismus und die abstrakte Vorstellung von der Freiheit bei Sartre. Er interpretiert den Existentialismus als „dritten Weg“ zwischen dem US-Modell und der Sowjetunion, wobei Sartres abstrakte Vorstellung der Freiheit, die ursprünglich als „Mythos des Widerstands“ gedacht war, zu einer Art Propaganda  der „amerikanischen Lebensform“ geworden sei. (Lukács 1951, S. 6) Auch der westliche Marxismus und die neue linke Bewegung wurden von Lukács Denken geprägt, insbesondere durch seine Analyse in „Geschichte und Klassenbewusstsein“. (Dannemann 2005, S. 11)

Diese Arbeit kann keine chronologische ausführliche Auseinandersetzung mit dem intellektuellen Leben und den verschiedenen ästhetischen Theorien Georg Lukács sein. Vielmehr soll sie einen Überblick über den „jungen“ Lukács und seine früheren ästhetischen Theorien sowie deren Interpretation bis zur Anfangsphase seines politisch und ästhetisch fruchtbaren Lebens geben. Die Prägung des „jungen“ Lukács zeigt sich in unterschiedlichen wissenschaftlichen und politischen Richtungen. Diese Arbeit soll in weiterführenden Arbeiten vertieft und erweitert werden, besonders in meiner Masterarbeit. Hier versuche ich einen allgemeinen Überblick über das ästhetische Leben Lukács, seine frühe Ästhetik von der „Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas“ bis zur „Heidelberger Ästhetik“ oder „Heidelberger Kunst- oder Lebensphilosophie“ zu geben und den Übergang zum Marxismus zu untersuchen. Weil „Die Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas“ häufig von Lukács selbst widerlegt und als reaktionär dargestellt wurde, werde ich auf diese Schrift nicht ausführlich eingehen. Auf Lukács marxistische Ästhetik gehe ich kurz ein, aber ausführlich kann Lukács marxistische Ästhetik, die sich selbst in verschiedene ästhetische Theorien untergliedert, weder in dieser Arbeit noch in den weiterführenden Arbeiten wie meiner Masterarbeit ausgearbeitet werden. Die Ausarbeitung der verschieden marxistischen ästhetischen Theorien Lukács können Projekt langjähriger Forschungen und ggf. einer Dissertation sein. Selbst für eine ausführliche Auseinandersetzung mit seiner marxistischen „Spätästhetik“, vor allem „Die Eigenart des Ästhetischen“, worin Lukács wieder seine frühere Ästhetik und Lebensphilosophie aus „Die Seele und die Formen“ aufnimmt, würden hunderte Seiten kaum ausreichen. Lukács kommt in „Die Eigenart des Ästhetischen“ noch einmal auf die Lebensphilosophie und die Widerspiegelung des Alltagslebens im Kopf des Subjekts (Widerspiegelung im Bewusstsein) zurück, indem er die Mimesis theoretisiert. die Frage, die er in seiner früheren Ästhetik mit Hilfe der idealistischen Philosophie nicht lösen kann und ungelöst stehen lässt, löst er diesmal mit Hilfe des historischen Materialismus. (Lukács 1963, 33f)

Auf die weiteren ästhetischen Schriften, die er in der Zeit zwischen der „Heidelberger Ästhetik“ und der „Eigenart des Ästhetischen“ schreibt, kann ich teilweise kurz Bezug nehmen, aber nicht genau darauf eingehen. Jede dieser ästhetischen Schriften wie „Moskauer Schriften“, „Probleme des Realismus“ (darin u.a. „Der historische Roman“), oder seine Schriften über Literaturkritik,  wie „Faust und Faustus“, „Die Grablegung des alten Deutschlands“ und zahlreiche Essay-Sammlungen, die in unterschiedlichen Büchern wie „Beiträge zur Geschichte der Ästhetik“, „Schriften zur Literatursoziologie“, „Über die Vernunft in der Kultur“ , „Schicksalswende“ etc.  veröffentlicht wurden, kann leider nicht in dieser Arbeit ausgeführt werden. Dieser Arbeit beschäftigt sich mit Lukács früher Ästhetik, seinem Übergang vom Kantianismus zu Hegel und schließlich dem Marxismus sowie der Ästhetisierung seiner früheren Theorien und Überlegungen, insbesondere der radikalen Wende von der kantianischen kosmopolitischen Einstellung in „Heidelberger Ästhetik“ zum Marxismus. Diese knappe Arbeit bietet nicht die Kapazität, um Lukács ästhetische Theorie in Verbindung zu bringen mit seinen zahlreichen Forschungen in unterschiedlichen Bereichen wie der Literaturkritik, Geschichte der Philosophie, Politik und Kulturwissenschaften.

Lukács gehört zu den wenigen Philosophen, die eine so harte Zeit wie die der zwei „Weltkriege“[1] durchlebten und sich trotz der Unterdrückung, Verzweiflung, Flucht vor dem Faschismus, Deportation und der Gefahr des Todes weder von der revolutionären Realpolitik noch von der philosophischen und literarischen Forschung zurückzogen. Meine persönliche Begeisterung für Georg Lukács als Philosophen der Praxis, dessen Philosophie von konservativen positivistischen Wissenschaftlern abgelehnt und als Dogma dargestellt wird, rührt nicht nur von seinen ästhetischen Schriften. Lukács Früh- und Spätästhetik ist unter den linken Intellektuellen immer noch teilweise bekannt. Bis jetzt wurde aber seine marxistische Ontologie („Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“) nicht ausführlich ausgearbeitet. Seine Spätästhetik („Die Eigenart des Ästhetischen“) wurde ebenso wie seine „Ontologie des gesellschaftlichen Seins“ von den meisten auch linken Intellektuellen entweder vergessen oder in ihre wissenschaftlichen Ausarbeitungen nicht aufgenommen.

Mit Lukács Philosophie kam ich wie viele andere Menschen erstmals durch „Geschichte und Klassenbewusstsein“ in Berührung. „Lenin: Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken“ und „Der junge Hegel“, die vor vielen Jahren im Iran übersetzt und veröffentlicht wurden, habe ich mit großem Interesse gelesen. Der Übersetzer von „Geschichte und Klassenbewusstsein“ und „Lenin: Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken“ Mohammad Ja‘ far Pouyandeh war iranischer Soziologe, Übersetzer und Mitglied der „Assoziation der Schriftsteller Irans“. Er wurde am 8. oder 9. Dezember 1998 vom iranischen Geheimdienst abgeholt und in den Kettenermordungen in der Zeit von Khatamis Präsidentschaft auf brutalsten Weise ermordet, während letzterer sich für eine „Offene Gesellschaft“ und den „Dialogue among Civilizations“ aussprach, aufbauend auf Habermas Theorie des „Kommunikativen Handelns“, die dieser im Widerspruch zu S. Huntingtons Theorie „Der Kampf der Kulturen“ entwickelte. Diese Arbeit schreibe ich im Gedenken an Mohammad Ja´ far Pouyandeh, der mit seinen großartigen Übersetzungen meine Generation zu tieferen Gedanken und in Verbindung mit Theorien von Georg Lukács brachte.


[1]Ich bin der Meinung, dass es nie einen Weltkrieg gab. Es gab zwei Kriege der westlichen imperialistischen Mächte gegen die anderen Staaten. Wenn jemand diese Kriege bewusst Weltkrieg nennt, bezeichnet er oder sie den Teil der Welt, den wir Westen nennen, als gesamte Welt. Hinter dieser Ideologie verbirgt sich eine eurozentristische Vorstellung, die die Welt in Europa und Nordamerika zusammenfasst.


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