Die Revolution und Konterrevolution im Iran

Analyse über die verkehrte Revolution 1979 und ihren aktuellen Ausbruch

Was momentan im Iran passiert, ist mehr als nur ein „Aufstand“. Die Aufstände, die vor 2 Jahren im Iran ausbrachen und seitdem nie ganz verschwunden waren, sondern in anderen Formen des Widerstands weitergeführt wurden, leben seit Freitag, dem 15.11.2019 mit neuer Radikalität und Entschlossenheit wieder auf. Wie ein Vulkan unter dem Meer schleudert der Aufstand alle Wut über die Zustände im Iran an die Oberfläche der Gesellschaft. Der Auslöser dieser Aufstände war die Erhöhung des Benzinpreises über Nacht um 200%, aber die eigentlichen Gründe für den Ausbruch liegen tiefer: in 40 Jahren Unterdrückung und brutaler Ausbeutung insbesondere der Arbeiter*innen und Besitzlosen, in brutalen Einschränkungen der individuellen und gesellschaftlichen Freiheit – der Meinungsfreiheit, freien Sexualität, das Recht auf Konsum von Alkohol etc. und Verwirklichung des Absolutismus– und in der Verfolgung, Vertreibung und Auslöschung der oppositionellen Menschen und Parteien. Die jetzigen Aufstände gehen über alle Aufstände der letzten 40 Jahren im Iran hinaus, indem sie die Macht des bonapartistischen Staates im Iran zerschlagen und eine andere Form der Herrschaft verwirklichen wollen.

Historische Analyse der Revolution und Konterrevolution im Iran

Ausgangspunkt dieser Unterdrückung und Ausbeutung ist die Zerschlagung der linken, radikalen Revolution der Arbeiterklasse 1979 durch die faschistoide, islamische Konterrevolution, die sich selbst als revolutionär darstellte und durch populistisch-demagogische Propaganda den Boden für die Machtübername der faschistischen Islamisten ermöglichte. Die neue provisorische Regierung im Iran begann direkt nach der Machtübernahme einen zerstörerischen 8-jährigen Krieg gegen das Baath-Regime im Irak, um eine Krisensituation zu kreieren, in der jede Opposition als eine Gefährdung der „nationalen Sicherheit“ delegitimiert und sofort zerschlagen werden konnte. Das übergeordnete Ziel des Krieges war, dem Iran eine imperialistische Herrschaft in der Region zu sichern. Khomeini drückt das so aus: „Der Weg nach Jerusalem führt durch Kerbela“, was so viel bedeutet wie: „Wenn wir Jerusalem erobern wollen, müssen wir unterwegs den Irak besetzen“. Der vorgeschobene Grund für diesen Eroberungszug war die Verbreitung der schiitischen Religion als „wahren“ Islam. Der Islam wurde als Legitimationslehre für die imperialistische Angriffe und die Erweiterung des Kapitals benutzt. Die Analysen, die das iranische Regime als vorkapitalistisch oder den Islam als eine Ideologie darstellen, die mit dem Kapitalismus nicht vereinbar sei, entbehren jeder wissenschaftlichen und empirischen Grundlage. Wir haben deutlich gesehen, dass der Islam sich sowohl im Iran als auch in den Ländern wie Indonesien, Türkei und sogar Saudi-Arabien an die brutalsten Formen des Kapitalismus (Neoliberalismus und Faschismus) angepasst hat. Das iranische Regime ist durch die konterrevolutionäre Bourgeoisie an die Macht gekommen und konnte nur überleben, indem es sich an die Logik der kapitalistischen Herrschaft und imperialistischen Weltpolitik anpasste und selbst zu einem Pol des regionalen Imperialismus wurde. Den erste Versuch eines imperialistischen Kriegs machte das iranische Regime am Anfang der Machtübername durch die faschistoide Konterrevolution, die wir „Khomeinismus“ nennen.
Mit dem imperialistischen Krieg gegen den Irak unter Saddam Hossein begann auch der innerstaatliche Krieg gegen jede Opposition. Besonders mit den Angriffen auf den kommunistischen Widerstand in Kurdistan, im Nordiran am Kaspischen Meer in Türkmen Sahra und im Süden bei Shiraz bei der türkischen Nomaden-Minderheit Ghachghai wurde der letzte Atem der eigentlichen Revolution ausgelöscht. Kurz danach wurden alle Räte in den Fabriken kriminalisiert und die Kontrolle der Arbeiter*innen über die Produktion bis 1982 endgültig aufgehoben. Die Räte wurden umbenannt in „Islamische Räte“ (Khane Kargar und Shoraei Islamie Kar) und alle Linken und Kommunist*innen der Räte der Arbeiter*innen festgenommen oder ausgelöscht. Im Frühling 1982 fing die erste Massenauslöschung an. Tausende Volksmudschahedin und Mitglieder linker Parteien wurden ermordet. Diese brutale Auslöschung der oppositionellen Menschen dauerte von diesem Frühling 1982 bis Sommer 1988 an und kostete mehr als 100.000 Menschen ihr Leben. Der Genozid erreichte seinen Höhepunkt im Sommer 1988, als 5000 Menschen innerhalb weniger Wochen ohne Gerichtsverhandlung vernichtet und mithilfe von Baggern in Massengräbern in Khavaran beerdigt wurden.
Auch die sogenannten linken Parteien wie die Tudeh-Partei, Aksariat (Organisation der Volksfedajin als angeblich größte „sozialistische“ Partei des Iran) und andere kleine Parteien und Gruppen, die die Sowjetunion unterstützt hatten, und mit ihrer Propaganda, Strategie und Taktik ihren Beitrag zur Machtübernahme des faschistischen, islamischen Regime leisteten, wurden im Jahr 1984 verboten. Ihre Mitglieder und Zentralkomitees kamen ins Gefängnis und die Anführer verrieten viele ihrer Anhänger, die dann brutal gefoltert und an die Wand gestellt wurden. Die verräterischen Anführer wurden dazu gezwungen, sich im Fernsehen öffentlich zu ihrer Bekehrung zum Islam zu bekennen und Kommunismus und Islam als zwei Seelen in einem Körper darzustellen.
Das sich errichtende islamisch-faschistische Regime bekämpfte aber nicht nur jeden parteilich und gewerkschaftlich organisierten Widerstand, sondern vor allem auch die Frauen, die im Widerstand eine wesentliche Rolle spielten und sich mit Waffen gegen ihre Unterdrückung wehrten, während die Frauenbewegung in Europa zusehends in Kompromisse und Kooperation mit den Herrschenden ging. Die starke Position der Frauen stellte für das neue Regime eine besondere Gefahr dar, die es mit der brutalsten Gewalt und langfristigen Unterdrückung zu bannen versuchte. Die Attacken auf Frauen breiteten sich in brutalster Weise in Form von Säure-Angriffen nach dem 8. März 1980 durch verschiedene Vertreter des Regimes wie Sepah Pasdaran („Revolutionsgarde“) und Basidsch-e aus und zerschlugen die progressive Frauenbewegung. Tausende Frauen, die für die Emanzipation von der Monarchie und Barbarei des Islam auf die Straße gegangen waren und den Zwang der Hijab ablehnten, wurden angegriffen. Tausende Frauen aus der kommunistischen Bewegung, die die Führung der Bewegung zur tatsächlichen Emanzipation übernommen hatten, wurden inhaftiert und mit der Legitimation der islamischen Gesetze vor ihrer Tötung von den Funktionären des Staates vergewaltigt. Die Hijabpflicht wurde für Mädchen ab dem Schuleintritt eingeführt, das Recht auf Scheidungen und aufs Reisen wurde Frauen genommen. Wer sich den Sharia-Gesetzen nicht beugte, wurde mit Säure attackiert, in der Öffentlichkeit ausgepeitscht, gesteinigt oder anders hingerichtet. In dieser barbarischen Zeit, in der der islamische Faschismus die Menschheit und die Menschlichkeit zerstörte, in der Frauen in Gefängnissen vergewaltigt und Oppositionelle im Genozid vernichtet wurden, rechtfertigte die postmoderne poststrukturalistische Ideologie in den westlichen Ländern diese Barbarei des Faschismus als „Multikulturalismus“ und erklärte sie zur kulturellen Eigenheiten, die nichts mit Westen zu tun hätte und daher auch nicht kritisiert werden dürfte. Michel Foucault als einer der Vordenker der Postmoderne und des französischen Poststrukturalismus unterstützte Khomeini nicht nur, sondern sprach auch über die Spiritualität der schiitischen Religion und die Abschaffung der Hierarchie unter den Mullahs. Er besuchte Khomeini in Ghom und berichtete von dieser Begegnung mit Begeisterung. Nachdem er bei einem schweren Unfall im Iran vergleichsweise glimpflich davongekommen war, erklärte er, dass nur die Spiritualität ihn hatte retten können. Der Mythos über Khomeini wurde unter den westlichen „Intellektuellen“ und „linken“ Parteien und Gruppen so stark verbreitet, dass viele Khomeini als anti-imperialistischen Charakter verstanden. Gleichzeitig wurde dieser Mythos durch die imperialistischen Medien stark propagiert.
Die Etablierung und Festigung des islamischen Faschismus im Iran ist einerseits Folge der globalen Neoliberalisierung der Wirtschaft. Unterstützt wurde sie vom westlichen neoliberalen Imperialismus im Zuge der anti-kommunistischen Bekämpfung der sozialistischen und linken Bewegungen, die der Sowjetunion nahestanden. Nach dem G7-Gipfel in Bonn 1978 wurde im Sinne der sogenannten Weltsicherheit hauptsächlich über den Iran und Japan geredet. Die Regierungschefs der westlichen Länder schlossen sich zusammen, um gemeinsam mit Khomeini ins Gespräch zu kommen und ihn als eine Alternative zur linken und kommunistischen Bewegung im Iran zu stärken. Mit der Unterstützung Khomeinis erreichten die imperialistischen G7-Staaten aber nicht nur, dass die sozialistische Opposition im Iran zerschlagen wurde, sondern auch die bis dahin starke sozialistische Bewegung im Irak. Khomeini war der einzige Machtstrebende, der den G7-Staaten den Krieg gegen den Irak versprach, der jede innerstaatliche Opposition schwächen musste. So konnten die G7-Staaten die Gefahr des Kommunismus im Nahen Osten bannen.
Khomeini versprach, die Unterdrückten zu unterstützen, auch den Kommunist*innen Freiheit zu gewähren und „das Geld vom Öl auf den Tisch der Arbeiter*innen zu bringen“, die Ungleichheit zu beseitigen. In seinem Treffen mit den größten Imperialisten schwafelte er zur Öffentlichkeit von seiner und deren anti-imperialistischen Haltung. Dieser Missbrauch des linken Diskurses durch den islamischen Faschismus hatte eine große Wirkung, indem Khomeini der linken Opposition den Boden unter den Füßen wegzog. Gleichzeitig behauptete er, die Wirtschaft gehöre „zum Esel“ (in die Mülltonne), um damit die Rückkehr zur Spiritualität zu propagieren und den Fortschritt im Rückschritt zu versprechen. Damit einher ging seine Propaganda für die Rückkehr in das Leben im Kleinen gegen die Moderne mit ihren bürgerlich-freiheitlichen Idealen des Westen.
Andererseits wurde durch die Propaganda der religiösen Stätte Hosseini Ershad die Ideologie des islamischen Faschismus als die Vertretung der Arbeiter*innen in der Bevölkerung verankert. Khomeini und seine Gefolgsleute griffen das falsche Bewusstsein in der Bevölkerung auf, dass der Zerstörung der Vernunft gleichkommt. Khomeini übersetzte die Ideologie in eine einfache Sprache und machte sie so einem noch breiteren Publikum zugänglich. In einer chauvinistischen und menschenverachtenden Weise sprach er von den „leidenden Arbeitern“ und betonte immer wieder: „Wir brauchen nicht das Materielle, wir brauchen nur unsere Spiritualität“. So ließ er die grundlegenden materiellen Nöte der Arbeiter*innen zu Nichtigkeiten schrumpfen und legitimierte die Aufrechterhaltung dieser Nöte. Mit diesen Aussagen konnte er die geistige und praktische Grundlage einer der brutalsten faschistoiden Formen von Herrschaft am Ende des 20. Jahrhunderts und Anfang 21. Jahrhunderts auf den Schultern der Arbeiterklasse durch eine Revolution von unten legen.
Die Revolution konnte nur mit dem Streik der Arbeiter*innen in der Ölindustrie und den dauerhaften Protesten zustande kommen. Die Islamisten richteten sich nie sich aktiv gegen die Monarchie im Iran. In der Zeit des Schah-Regimes wurden die Menschen wegen eines marxistischen Buches zum Tode verurteilt, aber die Islamisten hatten immer die Freiheit, ihre Bücher zu publizieren. Der Schah besuchte selbst Mekka und sogar Mossadegh verstand sich als liberaler Muslim. Mossadegh wird im Westen leider häufig als „progressiv“ oder sogar als „Sozialist“ dargestellt, obwohl er sowohl die Monarchie als auch den Islam unterstützte und seine Regierung den Widerstand der Besitzlose und Bauern und der Arbeiter*innen auf seine direkten oder indirekten Anweisungen hin zerschlug und mehrere Aktivist*innen der unterdrückten Klassen und teilweise Anhänger der Tudeh-Partei ins Gefängnis brachte. Mossadegh als ein Mann, der als ein „nationaler Charakter“ wie Jaml aldin Abdolnaser sowohl von nationalistischen kontrerevolutionären Kräften im Iran als auch von bürgerlichen und teilweise „linken“ Politiker*innen im Western sehr hochgeschätzt wird, verstaatlichte erst unter dem radikalen Druck von unten (von den Gewerkschaften und Arbeiter*innen) das Öl, obwohl die Verstaatlichung des Öls seit der Entstehung der Arbeiterbewegung in der Ölindustrie eine gerechte Forderung war, die schon 25 Jahr vor Mossadegh von der Arbeiter*innen unterstützt wurde. Nach dem Putsch gegen Mossadegh rutschte des Schah-Regime in eine Krise, die schließlich zur Revolution 1979 führte.
Die Analyse der Revolution im Iran 1979 kann nur aus der Perspektive der Kritik der politischen Ökonomie auf den globalen wirtschaftlichen und politischen Zusammenhang zwischen dem Block des Staatskapitalismus (des sogenannten Sozialismus) und dem imperialistischen Block des Westen in der Zeit des kalten Krieges gelingen. In der Zeit des kalten Krieges versuchte die Sowjetunion durch die Unterstützung reaktionärer, nationalistischer, religiöser und teilweise faschistischer Bewegungen und Strömungen, die sich als anti-imperialistisch und als „nationale Befreiungskämpfe“ darstellten, die USA und den westlichen imperialistischen Block zu schwächen. Dahinter steckte die Ideologie des „nationalen Weges zum Sozialismus“, die postulierte, nationale Befreiungsbewegungen würden automatisch zum „Sozialismus“, zur Partnerschaft mit der staatskapitalistischen Sowjetunion führen. Mit dieser mechanischen und stark vereinfachten Überzeugung leistete die Sowjetunion damit im Endeffekt einen Beitrag zur Etablierung der faschistischen Herrschaft in Ländern wie dem Irak, dem Iran und Syrien. Im Iran zeigte sich das mehr als deutlich, als die Konterrevolution, die sich als die Revolution darstellte, direkt nach der Machtergreifung eine neoliberale Politik einschlug. Gleichzeitig enttäuschte Khomeini auch die Hoffnungen der westlichen imperialistischen Staaten, er würde wie eine Marionette ihre imperialistische Politik im Iran fortsetzen. Kurz nach seiner Machtergreifung besetzten Khomeinis Anhänger die US-Botschaft in Teheran und schoben ihre Diplomaten in die USA ab. Doch selbst wenn die USA von Anfang an gewusst hätten, dass Khomeini kein weiterer Suharto (1965) oder Pinochet (1973) werden würde, hätten sie ihn sicherlich dennoch unterstützt, um die Entstehung eines sozialistischen Staats zu verhindern. Für diesen Zweck scheinen ihnen alle Mittel recht. Auch wenn kapitalistische Staaten Konflikte untereinander haben, gibt es doch zwischen allen kapitalistischen Akteuren ein gemeinsames Interesse, das über allen innerkapitalistischen Konflikten steht: Die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Produktionsweise und Herrschaft. Deswegen kommen kapitalistische Staaten da zusammen, wo es ihnen darum geht, sozialistische Projekte zu zerschlagen, die zu einer anderen, nicht-kapitalistischen Produktionsweise führen und mit der Möglichkeit der Ausweitung auf andere Regionen die kapitalistische Produktionsweise gefährden. Sie versuchen also entweder, sozialistische Projekte brutal zu zerschlagen, oder sie in den Kapitalismus zu integrieren und sie so ebenfalls Schritt für Schritt zu vernichten. In Europa integrierte die Konterrevolution durch eine passive Revolution von oben (soziale Reformen) häufig die linke Opposition in den bürgerlichen Staatsapparat, ohne sie brutal zerschlagen zu müssen und gegen die Mitglieder der linken und kommunistischen Parteien mit einer Auslöschungspolitik wie im Iran, Chile oder Indonesien vorzugehen. Seit den ersten sozialistischen Bewegungen und Revolutionen wurde im Westen von der Sozialdemokratie und konservativen Parteien eine antikommunistische Politik betrieben gegen die kommunistischen Parteien, die sich nicht anpassen wollten.

Analyse der aktuellen Revolution und Konterrevolution

Das iranische Regime kam durch eine Krise an die Macht und konnte sich nie von dr Krise lösen: Es kam infolge des Zusammenbruchs der Monarchie an die Macht und kreierte die erste „eigene“ Krise mit dem Krieg gegen den Irak, der zu massiver Armut, Hunger und über einer Millionen Toten im Iran führte. Durch den Krieg gegen den Irak hatte das Regime einerseits eine „schöpferische Zerstörung“ verwirklicht (nach Schumpeter: die Krise mit einer Krise überwunden), andererseits fand das Regime darin die Legitimation für die Auslöschung des Herzens der tatsächlichen Revolution der Arbeiterklasse durch den Massenmord an Kommunist*innen und die Besetzung der kurdischen revolutionären autonomen Gebieten, in denen eine Art Rätedemokratie durch die Partei Komala aufgebaut worden war. Durch den Wiederaufbau und die Öffnung für die globale kapitalistische Wirtschaft kam der Iran in die Krise der neoliberalen Verschärfungen, in denen breite Lebensbereiche kommodifiziert und privatisiert wurden, was die Armut verschlimmerte und großen Unmut in der Bevölkerung schuf. Diese Krise führte der Iran fort in der Streichung der Subventionen auf Lebensmittel und in der Kommodifizierung aller Lebensbereiche, die viele Menschen sehr bitter zu spüren bekamen. Die Neoliberalisierung der Wirtschaft lässt das Regime mehr und mehr in eine Legitimationskrise inner- und außerhalb des Irans rutschen. So wurde es von einem faschistischen Regime mit Massenbasis zu einem bonapartistischen Regime mit islamisch-faschistischer Ideologie, das seine Massenbasis verloren hat und seine Herrschaft mit gewaltsamer Unterdrückung sichern muss. Es ist für die Bevölkerung eine fremde Macht geworden, die ihren Schatten und ihre Unterdrückung auf das Leben aller Menschen wirft. In der Zivilbevölkerung lassen sich kaum Teile finden, die das Regime noch unterstützen. Diese minimalen Teile werden von der Mehrheit der Gesellschaft als Verbrecher und Verräter gesehen.
Seit zwei Jahren herrscht eine besonders schwere Wirtschaftskrise im Iran, mit der die Legitimation des Regimes noch stärker in Frage gestellt wird. Dieser Wirtschafts- und Legitimationskrise versucht das Regime durch verschärfte Unterdrückung und Gewalt zu begegnen, wodurch es die Legitimationskrise aber nur noch weiter verschärft. Wenn das Regime den Menschen das letzte Stück Brot nimmt, müssen sie sich wehren, gehen in Massen auf die Straßen und versuchen, das Regime zu stürzen. Die Mehrheit der Bevölkerung im Iran hat nichts mehr zu verlieren. Deswegen greifen die Menschen Tankstellen und Banken an als Stellvertreterinnen des Kapitals, religiöse Stätten wie Moscheen und theologische schiitische Universitäten (z.B. Havza) als Symbole des Regimes mit seiner religiösen Selbstlegitimierung und schließlich Polizeistationen und Staatsvertreter*innen (Polizist*innen, Geheimdienstler*innen etc.) als Vollstrecker*innen der Staatsgewalt. Als nächster Schritt muss ein revolutionärer Ausbruch folgen. Die Bevölkerung muss sich die staatlichen Waffen zu eigen machen, indem sie sie aus Polizeistationen und anderen Orten entwendet, um sich gegen die brutale staatliche Gewalt verteidigen und sie schließlich zerschlagen zu können. Seit einigen Tagen schießen Sepah (die sogenannte Revolutionsgarde), Basidsch-e (eine paramilitärische staatliche Hilfspolizei) und Itela’at (Khameneis persönlich vertrauter Geheimdienst) in großen Teilen in zivil auf Demonstrierende und verteidigen mit allen Mitteln das Regime, das ihnen ihr Monopol in der iranischen und nah-östlichen Wirtschaft sichert. Die Armee und Ordnungspolizei verweigern in großen Teilen, auf die Bevölkerung zu schießen. Auch sie und ihre Familien leiden unter der wirtschaftlichen Krise. Zudem sind sie eher mit der allgemeinen Bevölkerung verbunden und die Armee ist traditionell eher liberal und unreligiös. Auch in Sepah gibt es aber viele Menschen in untergeordneten Positionen, die unter der gewaltsamen Hierarchie innerhalb der Garde leiden und nicht uneingeschränkt hinter der Zerschlagung der Proteste stehen. Im Iran steht momentan also eine relativ kleine Gruppe an schwerbewaffneten Staatsdiener*innen einer sehr großen Mehrheit an weniger bewaffneten Menschen gegenüber. Sobald mehr Waffen in die Hände der Bevölkerung kommen, wird sie endgültig zur stärkeren Partei. Wir befinden uns damit aktuell in einer vorrevolutionären Phase.
In diesem Zustand gibt es viele Parteien in der Opposition, die die Bevölkerung zu Ruhe und friedlichen Demonstrationen aufrufen und die Gewalt – die notwendige Selbstwehr – gegen den faschistischen Staat als illegitim darstellen. Eben diese Parteien hatten ihren Anteil daran, Khomeini an die Macht zu bringen und wollen sein Regime jetzt vor einer Revolution schützen. Die Aufstände im Iran werden mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Revolution führen, egal was die parteilich organisierte Opposition dazu beitragen oder daran verhindern wollen. Die Proteste sind so weit vorangeschritten, dass die Bevölkerung nicht mehr nach Hause zurückkehren kann, wenn sie nicht einen weiteren Genozid riskieren will. Diese Proteste sind in der Geschichte der letzten 40 Jahre einzigartig, weil sie alle Formen von früheren Protesten überwunden haben und sich zur Zerschlagung des Staates und des Kapitals hin entwickeln. Die Menschen haben von den Protesten vor zwei Jahren viel gelernt. In den Gewerkschaften wurden Räte aufgebaut und das Klassenbewusstsein der Arbeiter*innen ist bedeutend gestiegen. Die Idee der Kontrolle der Produktion durch die Arbeiter*innen und allgemein sozialistische Ideen haben sich tief in der Gesellschaft verankert. Auch in vielen Betrieben wurden in den letzten zwei Jahren Räte aufgebaut. Von reformistischen und bürgerlichen Versprechen von Verbesserungen innerhalb des kapitalistisch-religiösen Staates lässt die Bevölkerung sich nicht mehr blenden. Damit hat sie der Konterrevolution den ideologischen Boden unter den Füßen weggezogen und hat das Potenzial, die Konterrevolution dauerhaft zu beenden. Die Organisationen und Kräfte, die in der Lage sind, die Wut der Bevölkerung schließlich in eine emanzipatorische Richtung zum Aufbau einer anderen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu leiten, müssen momentan noch weitestgehend unsichtbar bleiben, um nicht ihre eigene Auslöschung zu riskieren. Sobald aber die Macht des islamisch-faschistischen Regimes gestürzt ist, können sie von der illegalen in die legale Arbeit gehen und die Macht der Arbeiter*innenklasse organisieren.
Diese Proteste haben auch viele Exil-Iraner*innen wieder aufgeweckt und politisiert. Die Monarchisten, die die Befreiung in der Zukunft in einer Rückkehr zur Vergangenheit der vorkapitalistischen Herrschaft (Monarchie) unter kapitalistischer Wirtschaft versprechen, versuchen durch rassistische und faschistische Propaganda die Proteste in die falsche Richtung zu lenken. Sie sprechen von der „arischen Rasse“, die dem „iranischen Volk“ seine natürliche Überlegenheit verleihe. Sie berufen sich auf das iranische Territorium, von dem um keinen Preis auch nur ein kleiner Teil verlorengehen dürfe. Parteien wie die Volksmudschahedin träumen von einem neuen faschistischen Islamismus. Die linke Opposition versucht, sich auf die Seite der unterdrückten Bevölkerung zu stellen und aus dem Ausland für eine Revolution zu kämpfen, indem sie fortlaufend Aktionen und Proteste gegen das Regime und vor den Botschaften und Konsulaten organisiert, Nachrichten des Aufstands aus der Perspektive der Unterdrückten und Protestierenden veröffentlicht und über Satellit einen Zugang zum Iran schafft, mit dem sie die Blockade des Internets zu umgehen versucht.

Geschrieben von Hassan Maarfi Poor

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s