Über Stalin und „Stalinismus“!

Ich werde oft in Deutschland gefragt, ob ich „Trotzkist“ oder „Stalinist“ bin. Ich passe weder in ier trotzkistischen Kategorie noch in die stalinistische, obwohl ich bestimmte Trotzkisten und teilweise auch bestimmte sogenannte Stalinisten sehr hoch schätze. Unter den sogenannten Stalinisten, die wegen ihrer Sympathie zu bestimmten Zeiten der Sowjetunion als Stalinisten bezeichnet werden, habe ich sehr starke Sympathien für die Schriften von Eric Hobsbawm und Domenico Losurdo. Sie sind nicht nur großartige Denker, sondern auch eine Art Weiterentwickler der Geschichte und Philosophie des Marxismus. Über den Trotzkisten muss ich sagen, dass Trotzkis Positionen während und nach der Revolution 1917 getrennt betrachtet werden müssen von seiner Rezeption. Ich bin sehr begeistert von einigen Schriften bestimmter Trotzkisten wie Hal Draper, Terry Eagleton, John Rees, Tony Cliff, Ernest Mandel, Alex Callinicos etc. Das bedeutet aber nicht, dass ich alles akzeptiere, was diese Autoren geschrieben haben. Von ihrem Sektierertum und dem Versuch, aus dem Marxismus eine Art der Aristokratie zu mache, entferne ich mich aber. Gleichzeitig bin ich auch kein Freund der sogenannten bürgerlich-liberalen Debatte des „Pluralismus“ innerhalb der deutschen und europäischen „Linken“. Für mich als ein Marxist mit dialektischem Hintergrund und Weltanschauung ist wichtig, wie die Menschen theoretisch und ästhetisch die Welt definieren und wie sie den Weg der Emanzipation in ihren Schriften und Aussagen schlüssig darstellen, indem sie die Widersprüche der bürgerlichen Ordnung und bürgerlichen Produktionsweise anschaulich machen und durch die Negation der Negation (Dialektik) versuchen, argumentativ zu überwinden. Meiner Meinung nach kann, wie Lenin schon damals genau gesagt hat, keine revolutionäre Praxis ohne revolutionäre Theorie zustande kommen. Insofern bin ich für eine schlüssige radikale und revolutionäre Theorie. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass wir als Menschen selbst aus Widersprüchen bestehen. In jeder Theorie und Weltanschauung kann man Widersprüche finden und kritisieren, aber man hat selbst teilweise mehr Widersprüche als die Theorien, die von einem kritisiert werden, Das ist eine Situation, der ich immer wieder begegne, besonders wenn ich die Kritiker von Marx und des Marxismus studiere.

Man muss aber zwischen der Theorie, Strategie und der Taktik unterscheiden. Man kann etwas theoretisch richtig finden, aber strategisch Bullshit oder umgekehrt. Ein Beispiel ist die Sozialfaschismusthese von Stalin, die auf theoretischer Ebene stimmt, aber auf strategischer Ebene das Verbrechen des Faschismus reproduzierte, indem Stalin den gemeinsamen Kampf der Zivilgesellschaft (der Kommunisten mit Sozialdemokraten und anderen Gruppen) ablehnte. Wir wissen, dass die deutsche Sozialdemokratie (SPD) ein großes Verbrechen gegen die Menschheit, gegen die Arbeiterklasse und besonderes gegen die Kommunisten beging. Es ist nicht zu bezweifeln, dass die SPD mehr Kommunisten und revolutionäre Arbeiter ermordete als die Nazis, aber die Arbeiterklasse, die mit der KPD in der Zeit des Faschismus in Verbindung war, war eine Minderheit. Deshalb war der Kampf gegen den deutschen Faschismus nur von Kommunisten, wozu Stalin aufrief, Selbstmord. Das hat die Mehrheit der „deutschen Linken“ bis heute noch nicht verstanden: Die Frage der Theorie einerseits und der Strategie andererseits. Wir müssen immer wieder die Geschichte materialistisch rekonstruieren bis wir die Frage des „Was tun?“ in der heutigen Welt und im heutigen Kapitalismus verstehen und endlich aufhören, von der herrschenden Klasse als Instrument gegen den Kommunismus ausgespielt werden.

Meine Position zu Stalin und zum Stalinismus ist klar! Wenn ich mit Hannah Arendt argumentiere („Wenn ich als Jüdin angegriffen werde, muss ich mich als Jüdin verteidigen“), muss ich mich als Kommunist verteidigen, wenn Stalin zum Inbegriff des Kommunismus gemacht und der Kommunismus damit als gescheitert und totalitär erklärt wird. Wenn ich als Kommunist wegen Stalin angegriffen werde, muss ich vor allem klären, dass Stalins Politik, Stalins Verbrechen gegen die Menschheit nichts mit Kommunismus zu tun haben, auch wenn wir aus einigen seiner Schriften durchaus Wichtiges zur Geschichte und Sprache lernen können. Von Dialektik allerdings hat er nichts verstanden. Obwohl die Verbrechen unter Stalin nicht reduziert auf seinen Charakter oder seine psychische Verfassung zurückgeführt werden können, müssen wir uns als historisch-materialistische, dialektische Marxisten aus theoretischen und strategischen Gründen von Stalin distanzieren.

Gegen bürgerliche Dummheit, antikommunistische Propaganda von den Liberalen und Konservativen, gegen den Geschichtsrevisionismus von bürgerlichen Charakteren wie Hannah Arendt  bis zur Frankfurter Schule verstehe ich, dass viele Kommunisten Stalin gewissermaßen verteidigen. Dann müssen wir aber wiederum Trotzki gegen das Verbrechen von Stalin gegen die Genossen unterstützen. Letztlich geht es in der Frage darum, den Kommunismus gegen Stalin und gegen die Bourgeoisie zu verteidigen.

Das ist eine kurze Zusammenfassung meiner dialektischen Auseinandersetzung mit Stalin, Stalinismus und der Sowjetunion. Das Scheitern des Sozialismus liegt nicht in der Persönlichkeit eines verrückten Mannes. Es ist ein hoch kompliziertes Zusammenwirken verschiedener Faktoren und Entwicklungen, die zum Scheitern der politischen Ökonomie des Sozialismus in der Sowjetunion führten. Dieses Scheitern hat vor Stalin mit dem Kriegskommunimus und NEP (Neue Politische Ökonomie), mit der Konterrevolution der Weißen Armee, mit Kronstadt, mit dem imperialistischen Krieg von außen, dem Scheitern der Revolution in Deutschland begonnen. Das Scheitern des Sozialismus in der Sowjetunion muss in seinem globalen und regionalen Zusammenhang betrachtet werden.

Hassan Maarfi Pour (Poor)

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